Von Zentralasien zum Gänsegebirge (Kaz Dağı)
in der Türkischen Ägäis.

Ethnographische
Galerie und Museum

Errichtet an den Hängen des mythologisch beseelten lda-Gebirges, ist es ein UNESCO Award gekrönter Schauplatz, an dem Kunst und Kultur der Turkmenen ausstellt wird.
Wenn der 40. Tag nach dem Frühlingsanfang Äquinoktikum gekommen ist, feiern die Bewohner des Dorfes Tahtakuslar auf Kaz Dagi, einem Bergzug in der südwestlichen Türkei, die Ankunft des Frühlinges. Jeder ist an diesem Morgen schon sehr früh auf den Beinen. Frauen und Mädchen ziehen ihre traditionellen Kostüme für den Weg zum Friedhof an. Brot, Käse, Oliven, Bündel und votive Opfer tragend. Sie schmücken die Gräber ihrer Vorfahren mit Blumen und bunten Bändern. Die Leute entfachen dann Feuer um dort ihre Speisen zu kochen. Jeder tauscht herzlich warme Feiertaggrüße mit jedem der ihm begegnet aus. Alte Unstimmigkeiten werden vergessen, votive Gaben verteilt. Sogar die Olivenbäume scheinen das Schauspiel mit Freude zu bezeugen. Wolken, Himmel, die ganze Natur ist Zeuge zur Feier. Unter ihnen gibt es auch ein kleines Mädchen, ihr Kleid ist bedeckt mit blauen Perlen, um den Bösen Blick fern zu halten. Die Mutter hat es an diesem Morgen mit besonders liebevoller Fürsorge gekleidet und ihm in's Ohr geflüstert, "mach keine Bosheit. Heute kommen alle Weisen. Sie können Dich beobachten und über Deinen Anblick schmelzen alle Sorgen hinweg." Das kleine Mädchen freut sich sehr, über die Wörter ihrer Mutter.

TAHTACI TÜRKMEN
(Holzbearbeitungsspezialisten Turkmenen)
Was dieses kleine Mädchen aber noch nicht wußte, daß sein Mutterland, Anadolu (=Land voller Mütter“,verdeutscht Anatolien) ein Land der wandernden Nomaden war. Infolgedessen fängt die Geschichte des Dorfes vor länger Zeit im zentralen Asien an. Unter mongolischem Druck flieht im 13. Jahrhundert, einer der Oghusen Stämme, die 'Männer des Baumes'. Sie wandern ab zum Norden des kaspischen Meeres. Die Geschichte von ihrer Migration, die sie zuerst nach Khorasan und dann in den Irak führte, kulminierte im Taurus Gebirge. Meister Holzbearbeiter durch Berufung, wurden sie die 'Holzschneider der Turkmenen' oder kurz 'Tahtacilar' genannt. Sultan Mehmed der Eroberer behielt sie sehr wohl in seinem Kopf. Er brauchte ihre Fertigkeiten um Istanbul einzunehmen, bestellte bei ihnen das Bauholz von den Bäumen im Ida Gebirge für seine Kriegsschiffe und deren Rutschen um sie über Land zu ziehen. Für seine Eroberungzüge brauchte er ihre Fertigkeiten und ihre Bäume als Bauholzreservoire immer wieder. Sie wurden DIE Experten in diesem Geschäft. Ein neuer Weg ihrer Verbreitung war bald ihr Holz und ihre Fertigkeit. Immer wenn die Tahtaci Turkmens mit ihrem Können gebraucht wurden, beluden sie ihre Kamele und zogen dort hin. Nach einer Verordnung vom Sultan, für Millitor Ida, nach der sie 67 Schiffe und zahlreiches Kriegsgerät zu bauen hatten, damit ein Aufstand auf der Insel von Mytilene niedergeschlagen werden konnte, leisteten sie große Dienste mit dem Holz aus ihren eigenen Reserven. Dafür durften sie zu der Zeit in den eroberten Bereichen überall ihre Dörfer gründen. In denen sie nach ihren ursprünglichen turkmenischen Traditionen lebten. Davon zeugen Geschichten vom Überfluß, von wilden Spielen und vom Geflügel in der Region, vor den majestätischen Bäumen des Gänsegebirges (Türkisch = Kaz Dağı). Die auch durch große Feuer dezimiert wurden. Die Turkmenen gaben 1948 ihren Orten neue Namen. Ihrer Tradition folgend und zu Ehren ihrer majestätischen Bäume, die ihnen stets ihren Lebensunterhalt gesichert hatten, wurden Namen vergeben wie: 'Kuşlar Bayın' (Vogel-Verkäufer), 'Kuşlar Tepe' (Vogel-Hügel) oder 'Tahtakuşlar' ( Hölzerner Vogel).

EIN FREILUFTMUSEUM,
BESUCHEN UM MITTERNACHT
Tahtakuşlar ist heute nicht nur der Name des Dorfes, sondern auch eines Museums. Der Gründer des Museums ist Alibey Kudar, ein Wohltäter, der Turkmenische Kultur fördern möchte, bevor sie verloren ist. Zusammen mit seinen Söhnen Orhan und Selim eröffnete das Museum im Jahre 1991 als 'utopisches' Unternehmen. Neben Beispielen Turkmenischer Kunst in wechselnden Ausstellungen, beherbergt das Museum einen festen Bereich für die Zeugnisse der Turkmenischen Handwerkskunst. Die ganze Kudar Familie setzt ihr gesamtes Talent und ihre ganze Kraft ein, zur Bereicherung ihres Museums. Dann 1992 mit der Selim Turan Galerie und 1994 mit einer hauseigenen Bibliothek. Die ersten internationalen Früchte dieser Arbeiten der Kudar Familie war die UNESCO-Unterstützung. Das Museum erhielt 1994 einen Kulturförderpreis. Das Museum, das national noch viele Preise erworben hat, ist geöffnet von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Also die gesamten Stunden des Tageslichtes. Aber die Kudars erledigen ihre Arbeit so froh, daß sie sogar jemandem, die Türen des Museums öffnen würden, der sie mitten in der Nacht aufweckt. Die Quintezzens daraus: Kein Besucher kann diese Region, ohne einen Zwischenstop in Tahtakuşlar verlassen, wenn er nicht einen wichtigen Besuch verpasst haben will.

RIEMEN UND FLECHTEREIEN
Unter den ausgestellten Stücken sind traditionelle Turkmenische Kostüme, große Wolltaschen, Münzen, Schürzen mit einem Gansfußmotiv, Sattel, Westen der Kinder, das traditionelle 'terlik' (Schuhwerk) und Kopfbedeckungen. Alibey Kudar ermüdet nie jeden ankommenden Gast mit Erklärungen durch die Ausstellung zu führen. Zum Beispiel wie das Amulett 'calak', gegen den 'Bösen Blick', in der Form eines sichelförmigen Mondes, aus den Backenzähnen des Unterkiefers eines wilden Ebers gebildet wird. Wie der erste Haarschnitt vom Kopf eines Kindes traditionsgemäss aufbewahrt wird und wie das Gansfußmotiv auf den Finanzanzeigen der Oghusischen Türken gefunden wurde. Im Museum können Sie Riemen sehen, verziert mit Meeresmuscheln, welche die Turkmenen vom roten Meer auf ihrer Migration sammelten, das Amulett gegen den 'Bösen Blick' aus den Harmal Samen, Mandeln, Feigen und Nelken. Zapfen von den Kaz Dağı Tannen und die Flechten getragen wie eine Perücke von jungen Mädchen mit dem kurzen Haar. Eins der faszinierensden Stücke, im Museum ist der Rahmen eines Turkmen Zeltes (Jurte). Diese Zelte, die bis in die fünfziger Jahre benutzt wurden, im Allgemeinen aus Wacholderbuschholz gebaut, besteht hier im Museum aus dem Holz der Pappel. Dieses Zelt, von dem nur noch wenige Exemplare existieren, da sie als nutzlos geworden weggeworfen wurden, hat der letzte Jurtenbaumeister, Ali Tuzla, aus dem Dorf Haciaslanlar nahe Edremit nach alter Tradition hergestellt. Die Tauben im Emblem des Museums leiten sich vom Namen des Dorfes ab. Während das Gansfußmotiv aus den historischen Zeiten, der in den Bergen seßhaft gewordenen Oghusischen Türken, für Herzliebe, Freundschaft und Frieden steht. Jeder hier erinnert sich an die Legende der 'Sarıkız' (der Blondine-Maid'). Die schöne blondhaarige Gänsemagd. Ein Opfer von böswilliger Verleumdung und dem Bösen Blick. Sarıkız wurde von ihrem Vater auf dem Berg verlassen und wuchs dort unter den ansässigen Leuten auf. Wenn Sie glücklich sind, hören Sie ihre Geschichte. Auch Alibey Kudar erzählt sie gern.

WIE DAS GESCHÄFT EINES HERBALISTS
Eine Anzahl von authentischen Einzelteilen, wie der Schutz gegen den Bösen Blick, Satteltaschen und vieles mehr, werden am Museumseingang verkauft. Hausmittel und die therapeutischen Kräuter, die auf Kaz Dağı authentisch angebaut werden (ein Raubbau unter den Wildkräutern wird so vermieden), kommen bereits verpackt auf den Ladentisch, unter ihnen der gute Sarıkız Tee -- für das HerzgefäßSystem. Mothball, der purpurrote Oregano, aromatischer Efeu, olivgrünes Gras, Wermut, Gebirgsminze, Lavendel werden zu Tee verarbeitet um gegen die unterschiedlichsten Beschwerden, körperliche wie auch seelische, eine Hilfe zu sein. Sie können auch ätherische Tees, Rosmarin, Sumac und Lindenblüten finden. Wenn der Duft der Kräuter Sie schwindlig gemacht hat, fühlen Sie plötzlich wie es ist in den Bergen zu klettern. Wenn Sie dann nach draußen gehen, sehen Sie die Olivenbäume. Ich lege meine Arme um einen von ihnen, der mehr als tausend Jahre alt ist und finde: "Sie stehen zwar alle im Freien, aber Sie sind noch eines der wertvollsten Museumsstücke !"

Artikel in Türkisch und Englisch für SKY LIFE, die Bordzeitschrift von Türkish Airline (Oktober 2004). Verfasst von AKGÜN AKOVA und ins Deutsche übersetzt von Hans-Joachim Radosuboff.

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